Die Digitalstrategie im Gesundheitswesen steht an einem Wendepunkt. Während die elektronische Patientenakte, die Telematikinfrastruktur und neue digitale Dienste Schritt für Schritt ausgebaut werden, wächst gleichzeitig die Sorge, dass das System an Komplexität erstickt.
Spätestens die Aussagen von gematik-Geschäftsführer Florian Fuhrmann zeigen: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Technik selbst, sondern in ihrer Fragmentierung.

„Über 100 PVS-Systeme“ – ein Ökosystem am Limit
Auf der Bitkom Digital Health Conference machte Fuhrmann deutlich, wie zersplittert die Landschaft ist: Mehr als 100 Praxisverwaltungssysteme, dazu TI-Komponenten, Konnektoren, Kartenterminals und ePA-Zugänge bilden einen Flickenteppich, der kaum beherrschbar ist.
Diese Heterogenität führt nicht nur zu Reibungen, sondern ganz konkret zu Instabilitäten: Wenn ein einzelnes System hängen bleibt, bremst es im schlimmsten Fall den gesamten Prozess aus. Interoperabilität ist daher nicht „nice to have“, sondern die Grundvoraussetzung für ein stabiles digitales Gesundheitswesen.
Fuhrmann spricht davon, dass „die Geschwindigkeit, die Pace, wird ja durch den definiert, der am langsamsten ist“1.
Der Satz wirkt abstrakt, beschreibt aber real ein Risiko:
Stabilität entsteht erst, wenn Systeme nicht nur formal miteinander verbunden sind, sondern dieselbe Sprache sprechen.
Als Lösung nennt er die kommende Konformitätsbewertung als Zertifizierung.
Umbau der gematik: Mehr Verantwortung, aber auch mehr Risiko?
Parallel dazu soll die gematik zur neuen Digitalagentur Gesundheit ausgebaut werden. Sie soll Standards setzen, zertifizieren und absehbar auch stärker eingreifen können, wenn Komponenten der TI Probleme verursachen.
Der Ansatz wirkt nachvollziehbar: Wenn die Infrastruktur zentral getragen wird, braucht es eine Instanz, die Qualität und Sicherheit gewährleistet. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, wie viel Macht eine solche Instanz haben sollte, ohne selbst zum Flaschenhals zu werden.
Die aktuelle Bitkom-Stellungnahme greift genau diesen Punkt auf, nicht als Warnung vor Regulierung, sondern als Hinweis auf notwendige Klarheit: Wo endet die Rolle eines Standardsetzers, wo beginnt Regulierung, und wie vermeidet man Interessenkonflikte in einem Markt, der von Vielfalt lebt?
Das zentrale Thema ist also weniger Macht oder Wettbewerb, sondern Governance: Wie setzt man einheitliche Regeln durch, ohne Innovationen oder Stabilität zu gefährden?
Interoperabilität bleibt der Kern, nicht die Rechtsform
Wer Interoperabilität nur technisch versteht, unterschätzt ihre Bedeutung. Sie betrifft Prozesse, Finanzierungsstrukturen, Haftungsfragen, Zertifizierung und die Sicherheit klinischer Abläufe.
Auch die TI selbst zeigt: Komplexität kann zu Sicherheitsproblemen führen, etwa zu veralteten Konnektoren, heterogenen Update-Zyklen und Integrationsproblemen zwischen Komponenten.
Eine neue Digitalagentur kann das ändern, aber nur, wenn sie verbindliche, klare und nachvollziehbare Standards schafft und gleichzeitig transparent arbeitet. Sonst bleibt das Risiko bestehen, dass Komplexität nicht abgebaut, sondern nur anders verteilt wird.
Was es jetzt braucht
Unabhängig davon, wie die Digitalagentur gestaltet wird:
- Interoperabilität muss verpflichtend, messbar und durchsetzbar werden.
- Stabilität muss vor Funktionsvielfalt oder politischen Erwartungen priorisiert werden.
- Governance muss nachvollziehbar und transparent sein, damit Vertrauen entsteht.
Denn das eigentliche Risiko für die Stabilität des Systems entsteht nicht durch fehlende Eingriffsrechte, sondern durch fehlende Abstimmung.
- Gematik-Chef: „Schiere Masse an Systemen macht unsere Arbeit schwieriger“, 25.11.2025, 17:38 Uhr, Marie-Claire Koch ↩︎

