Die veränderte Sicherheitslage in Europa und Deutschland stellt das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Mit der Vorstellung einer umfassenden Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) am 28. Oktober 2025 wird deutlich: Deutsche Krankenhäuser sind nur eingeschränkt auf Krisen- und Verteidigungsfälle vorbereitet. Die Studie, erstellt vom Institute for Health Care Business (hcb) und dem Deutschen Krankenhausinstitut (DKI), analysiert den Status quo und benennt dringenden Handlungsbedarf in sechs zentralen Bereichen. Die Ergebnisse sind alarmierend, aber nicht überraschend. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich die Bedrohungslage verschärft. Hybride Angriffe, Cyberattacken und die Möglichkeit eines militärischen Konflikts in Europa machen die Stärkung der Krankenhausresilienz zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.
Die DKG fordert eine nationale Strategie, um die Widerstandsfähigkeit der Kliniken zu erhöhen. Doch was genau fehlt, und welche Investitionen sind nötig, um die Versorgungssicherheit auch in Extremsituationen zu gewährleisten?
Kernpunkte der Studie: Fünf zentrale Problemfelder
Die Studie identifiziert fünf zentrale Schwachstellen, die die Krisentauglichkeit deutscher Krankenhäuser aktuell einschränken:
- Personalmangel und fehlende Schulungen: Die Studie identifiziert den Personalmangel und die Überlastung des Personals als die größte Bedrohung für die Resilienz im Gesundheitswesen. Schon im Normalbetrieb führt der Personalmangel zu Überlastungen. Im Krisenfall würde dies die Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten zusätzlich erschweren. Besonders problematisch ist die fehlende Vorbereitung auf typische Kriegsverletzungen.
- Cybersicherheit als dringendes Handlungsfeld: Cyberangriffe auf Krankenhäuser haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Trotz der Bemühungen und Investitionen der letzten Jahre, liegen noch zahlreiche Mängel vor. Die Herausforderungen liegen dabei vor allem bei von den Hauptsystemen getrennte Backupstrukturen, der Angriffserkennung und der Kommunikationssicherheit. Die Studie empfiehlt, dass die IT- und Kommunikationssicherheit kurzfristig priorisiert werden sollte, da diese Maßnahmen den derzeit realen Bedrohungen am besten begegnen.
- Physische Sicherheit und Infrastruktur: Viele Krankenhäuser verfügen nicht über ausreichend geschützte Räume oder Tiefgaragen, die im Krisenfall als Ausweichbehandlungsräume genutzt werden könnten. Hier sind bauliche Anpassungen und der Ausbau von Schutzräumen notwendig.
- Lagerhaltung und Versorgungssicherheit: Die Lagerkapazitäten für Medikamente, Blutprodukte, Hygieneprodukte, Nahrung und Notstrom sind für Friedenszeiten ausgelegt. Im Krisenfall wären sie schnell erschöpft. Ebenso stellt die Versorgung mit Trinkwasser und die Entsorgung von Abwasser ein häufig unadressiertes Problem dar. Ebenso müssen Würde bewahrende Lagermöglichkeiten für eine erhöhte Anzahl von Verstorbenen mitgeplant werden.
- Vorbereitung auf CBRN-Lagen: Die Vorbereitung auf chemische, biologische, radiologische und nukleare Ereignisse (CBRN) ist weitgehend unzureichend. Hier fehlt es an Schutzausrüstung, Dekontaminationseinrichtungen und Quarantäne / Schutzzonen.
Investitionsbedarf: Drei Szenarien, eine klare Botschaft
Die Studie rechnet den Investitionsbedarf zum Schutz des deutschen Gesundheitssystems anhand von drei verschiedenen Szenarien durch:
- Cyberangriffe und Sabotage: Hier stehen vor allem Maßnahmen zur Verbesserung der IT- und Kommunikationssicherheit sowie der technischen Infrastruktur im Fokus. Grundlage für dieses Szenario ist die bereits existierende Bedrohungslage im Gesundheitssektor.
- Der Gesamtinvestitionsbedarf liegt bei ca. 2,7 Mrd. Euro
- Die durch die Vorkehrungen ausgelösten, zusätzliche Betriebskosten bei ca. 670 Mio. Euro pro Jahr.
- NATO-Bündnisfall: In diesem Szenario müssten deutsche Krankenhäuser bis zu 1.000 Verwundete pro Tag zusätzlich zum Regelbetrieb versorgen. Das bedeutet:
- Ca. 220 zusätzliche Schwerverletzten mit Polytraumata täglich und damit ca. 83.000 intensivmedizinisch zu betreuender Patienten im Jahr. Das übersteig die Zahlen der Regelversorgung (ca. 26.000 polytraumatische Intensivpatienten pro Jahr) mehrfach.
- Schaffen von Transport- und Verlegungskapazitäten Teil der identifizierten Problemfelder.
- Einen akuten Investitionsbedarf von 5 Mrd. Euro
- Zusätzlichen Betriebskosten von 900 Mio. Euro pro Jahr
- Verteidigungsfall: Für den Fall einer militärischen Auseinandersetzung auf deutschem Boden wären weit größere Investitionen notwendig, um die Gesundheitsversorgung aufrechterhalten zu können. Zu den Schlüsselherausforderungen zählen in diesem Szenario:
- Flüchtlingsströme
- Zivile verwundete
- Zerstörung der Infrastruktur durch physische Angriffe und Notwendigkeit von Ausweichkliniken
- Neuinvestitionen von ca. 15 Mrd. Euro
- Jährliche zusätzliche Betriebskosten von ca. 1,1 Mrd. Euro pro Jahr
Politische Forderungen: Strategie statt Schönwettersystem
Die DKG fordert eine gesamtgesellschaftliche Strategie, um die Krankenhausresilienz zu stärken. Dr. Gerald Gaß betont, dass die notwendigen Maßnahmen nicht ausschließlich der regulären Krankenversorgung dienen und daher zu Teilen aus dem Sondervermögen „Verteidigung“ finanziert werden sollten. Zudem müssten die anstehenden Krankenhausreformen die Resilienz als festen Bestandteil verankern.
Fazit: Resilienz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Die Studie der DKG macht deutlich, dass die Stärkung der Krankenhausresilienz nicht nur eine Frage der Finanzierung, sondern auch der politischen Priorisierung ist. Eine veränderte Sicherheitslage erfordert ein Umdenken: Bauvorhaben und Investitionen müssen vereinfacht werden, Genehmigungsverfahren beschleunigt, denn Aggressoren warten im Zweifel nicht auf den Abschluss eines Planungsverfahrens. Die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems entscheidet im Krisenfall über Leben und Tod – Investitionen in dessen Resilienz sind daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit, wie sie der OPLAN Deutschland im Rahmen der Zivil-militärischen Kooperation vorsieht.
Quellen und weiterführende Informationen:
- Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG): Studie „Investitionsbedarfe zur Herstellung der Resilienz deutscher Krankenhäuser“, 28. Oktober 2025.
- DKG: Pressemitteilung „Krankenhäuser müssen krisentauglich werden“, 28. Oktober 2025.
- Deutsches Ärzteblatt: „Krankenhäuser im Kriegsfall nur bedingt einsatzfähig“, 28. Oktober 2025.
- Süddeutsche Zeitung: „Kliniken brauchen Milliarden“, 28. Oktober 2025.
- RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Deutschlands Krankenhäuser nur eingeschränkt krisenfähig“, 28. Oktober 2025.

