Krankenwagen in Blaulichtfahrt

Zeitenwende im Gesundheitswesen: 2. Fachtagung KRITIS

Bericht von der 2. Fachtagung KRITIS in Berlin

Im März 2025 lud die Gesundheitsstadt Berlin e. V. zur zweiten Fachtagung KRITIS ein: „Das deutsche Gesundheitswesen in Krieg und Katastrophe: Prüfstein für den Föderalismus“. Thematisiert wurden die Belastbarkeit des Gesundheitswesens, bestehende Strategien zur Krisenvorbereitung – und was es jetzt braucht, um handlungsfähig zu sein, wenn es darauf ankommt. Dieser Beitrag fasst die zentralen Aussagen zusammen und ordnet sie ein.

Verteidigung ist auch Gesundheitsschutz

Mit dem Wiederaufleben territorialer Konflikte ist auch in Deutschland eine sicherheitspolitische Realität zurückgekehrt, die jahrzehntelang kaum eine Rolle spielte. Die Bundesrepublik ist geostrategisch in der Mitte Europas gelegen und damit logistische Drehscheibe im Bündnisfall. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf das Gesundheitswesen: Verwundete müssen aufgenommen, behandelt und weiterverlegt werden – auch in zivilen Einrichtungen.

Laut Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), rechnet die Bundeswehr im Ernstfall mit bis zu 1.000 Verwundeten täglich, darunter viele mit Verletzungsmustern, die im zivilen Alltag kaum vorkommen. Zugleich muss das bestehende System weiterlaufen – auch wenn Kapazitäten, Personal und Infrastruktur durch zusätzliche Anforderungen belastet werden. Tiesler betont: „Der Regelbetrieb in den Krankenhäusern muss – gegebenenfalls eingeschränkt – weiter funktionieren.“ In einem Kriegsszenario wären zudem gezielte Angriffe wie Cyberattacken und Sabotageakte auf kritische Gesundheitsinfrastruktur möglich.

Berlin kommt in dieser Konstellation eine besondere Rolle zu. Als Hauptstadt und Regierungszentrum ist sie im Szenario der strategischen Verwundetenversorgung ein logistisch bedeutender Knotenpunkt. Kliniken wie die Charité bereiten sich daher gezielt auf diese Funktion vor. Prof. Dr. Leif Erik Sander, Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin der Charité, berichtet: „Mit dem Bundeswehrkrankenhaus Berlin arbeiten wir bereits bei der Ausbildung von Personal zusammen und üben biologische Szenarien.“

Kritische Infrastruktur unter Druck

Weiterhin sieht Sander wachsende Risiken für kritische Infrastrukturen. Er plädiert für ein übergreifendes Zentrum für Gesundheitssicherheit nach internationalen Vorbildern: „Deutschland braucht ein Krisenzentrum, das im Fall einer größeren Krise ein zentrales Lagebild in Echtzeit erfasst und Aktivitäten koordiniert.“

In anderen Ländern ist ein solches Denken bereits institutionalisiert. Israel etwa verzichtet auf eigene Militärkrankenhäuser – dort ist medizinisches Personal militärisch ausgebildet. In Schweden übernimmt das Karolinska-Universitätsklinikum staatlich definierte Sonderfunktionen im Krisenfall. In Deutschland dagegen stößt die traditionell strikte Trennung von zivilem und militärischem Bereich zunehmend an ihre praktischen Grenzen. Der Aufbau widerstandsfähiger Strukturen hinkt der sicherheitspolitischen Entwicklung deutlich hinterher.

Auch Generalleutnant André Bodemann, Befehlshaber des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr, betont die notwendige Zusammenarbeit mit zivilen Akteuren. „Ein Plan für eine nationale Patientensteuerung im Bündnis- und Verteidigungsfall wird derzeit durch das aufzustellende Operative Führungskommando der Bundeswehr in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr und weiteren Akteuren in der Gesundheitsversorgung erarbeitet“. Dafür sind ein aktuelles Lagebild und Klarheit über verfügbare Ressourcen auf beiden Seiten unerlässlich.

Doch das Fundament dieser Sicherheitsarchitektur bleibt das tägliche Versorgungssystem. Tiesler warnt: „Die Grundlage des gesundheitlichen Bevölkerungsschutzes ist das alltägliche Gesundheitssystem.“ Und genau dieses zeigt Schwächen. Die wirtschaftliche Lage vieler Kliniken, Fachkräftemangel, Überlastung: All das schwächt die Resilienz im Ernstfall. Sander bringt es auf den Punkt: „Unser Gesundheitssystem ist heute schlechter aufgestellt als 2020.“

Föderalismus auf dem Prüfstein

Gerade in Krisensituationen wie Krieg oder Naturkatastrophen zeigt sich, dass der deutsche Föderalismus eine doppelte Rolle spielt: Er kann zum Stabilitätsanker werden – oder zur Hürde. Tiesler sieht im föderalen System kein grundsätzliches Hindernis, solange es ein gemeinsames Lagebild gibt. Der sogenannte „Kleeblattmechanismus“ während der Pandemie habe gezeigt, dass Bund und Länder gemeinsam handeln können. Für militärische Krisenlagen allerdings „wären noch weit größere Anstrengungen notwendig“.

Für die Gesamtverteidigung seien laut Dr. Klaus Holetschek, CSU-Fraktionsvorsitzender im Bayerischen Landtag, grundlegende Reformen erforderlich – jenseits der laufenden Krankenhausstrukturreform. Es müsse geregelt werden, ob und wie der Bund im Verteidigungsfall auf Kliniken der Länder zugreifen könne. Auch Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor des Unfallkrankenhauses Berlin, und Daniel Dettling, Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin, warnen, dass nach zwei Tagen das deutsche Gesundheitssystem unter diesen Voraussetzungen am Limit wäre.

In Schweden ist dieses Denken längst Alltag: Das Konzept der „Totalverteidigung“ verpflichtet alle gesellschaftlichen Akteure zur Resilienz – vom Bürger bis zur Behörde. In Deutschland dagegen wurde das Konzept „Health Security“ über Jahre vernachlässigt.